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 Die letzten Beiträge des Themas - Abtreibung - das ultimative Tabu? 
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Mit Zitat antworten Beitrag Verfasst: 06.05.2019, 19:18
Abtreibung - das ultimative Tabu?
Vor ziemlich genau 5 Jahren war ich arbeitslos, allein und psychisch an einem sehr instabilen Punkt. Und da wurde ich schwanger. Ich war 37 und wusste, dass es vielleicht meine letzte Chance war, Mama zu werden - ein Teil von mir hatte sich dieses Kind gewünscht. Sehr.
Und dann war da nur noch diese grenzenlose Panik und Überforderung. Ich wusste, dass ich so, wie es mir damals ging, weder mir noch meinem Kind gerecht werden konnte. Ich konnte damals kein Vertrauen ins Leben haben.

Ich wollte nur noch, dass diese Panik und die Angst aufhörten. Ich wusste nicht mehr, was für mich richtig oder falsch ist. Meine Freunde rieten zur Abtreibung. 8. Woche. Ich tat es und als ich aus der Narkose aufwachte, schien der Albtraum vorbei. Ich trauerte und weinte einige Wochen, Monate, dann kämpfte ich mich Stück für Stück zurück ins Leben - das ist es, was ich meinem Kind damals versprochen hatte; dass ich mein Leben so hinkriege, dass es darin Platz für sie haben wird, ein Nest. Dann begrub ich die Geschichte tief in mir: es ist die eine Sache, über die ich nie spreche.

Heute bin ich stärker und wäre wohl fähig, diesem Kind eine Mutter zu sein, Verantwortung zu übernehmen. Aber ich werde keine Mama mehr, die Wechseljahre kündigen sich an. Ich trauere über mein nicht gelebtes Muttersein, kann aber auch eine Richtigkeit für mich darin finden. Aber immer wieder kehren meine Gedanken zurück zu dem Kind, das ich damals nicht leben liess. Auch nach all den Jahren, sind da Gefühle, die ich nicht wahrnehmen will und die sich immer wieder einen Weg zurück in mein Herz und meine Gedanken erkämpfen. Da ist Scham, Scham darüber, "feige" gewesen zu sein und die Herausforderung nicht angenommen zu haben. Dass ich nicht für mein Kind gekämpft habe. Da ist eine tiefe, abgrundtiefe Schuld darüber, ein schlagendes Herz gestoppt zu haben. Ich habe getötet. Auch heute noch sehe ich die Monitor-Bilder von diesem schlagenden Herzen. Und ich frage mich, was sie mit ihr gemacht haben. Ich frage mich, wer sie geworden wäre. Häufig kann ich nachvollziehen, welche Faktoren damals zu der Entscheidung geführt haben - ich hatte gute Gründe. Meistens bin ich froh, dass der Vater nicht mehr in meinem Leben ist. Und immer wieder trifft mich die volle Wucht der Schuld, die ich auf mich geladen habe, als ich diese Entscheidung getroffen habe. Ich habe getötet. Und die Trauer über Geschehenes, dass nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Die Absolutheit davon - Sie ist nicht hier. Scham. Schuld. Trauer.

Ich wusste, dass ich damit würde leben müssen, aber vor dem Abbruch waren es theoretische Konzepte. Heute lebe ich damit und stelle fest, nein, das geht nicht weg. Das kommt immer wieder zurück. Nun ja, dachte ich. So wie mir geht es vielleicht auch anderen Frauen? Vielleicht hilft es dem Verarbeitungsprozess, wenn ich anfange, über dass, was ich getan habe, zu reden? Ich rede nicht darüber, denn ich schäme mich. Vielleicht gibt es Selbsthilfe-Gruppen für Frauen nach Schwangerschaftsabbruch? Ich habe das Angebot in der Schweizer Stadt, in der ich lebe, studiert und stelle fest: Es gibt für absolut alles Selbsthilfe-Gruppen, wirklich alles, was Menschen irgendwie belasten könnte, und es gibt keine einzige für Frauen nach einem Schwangerschaftsabbruch. Ganz sicher bin ich nicht die Einzige, die sich mit ihrer Entscheidung im Nachhinein schwer tut. Aber vielleicht schämen sich die anderen ebenso wie ich zu sehr, um sich damit zu zeigen?

Oder ist es vielleicht so, dass Frauen, die die Entscheidung getroffen haben, einen Schwangerschaftsabbruch vorzunehmen, kein Recht auf Trauer haben? Über viele Dinge, die Menschen zustossen können und die verarbeitet werden müssen, haben sie keine Kontrolle; Unfälle, Krankheiten und was es alles gibt, was die wütenden Götter über den Menschen ausschütten können. Aber Schwangerschaftsabbruch? Da hat man wohl grad mehrfach schlechte Entscheidungen getroffen und ist also selber verantwortlich: einmal, als man unter ungünstigen Umständen Sex hatte, dann, als man das mit der Verhütung offensichtlich nicht im Griff hatte, dann als man die Entscheidung getroffen hatte, abzutreiben. Also selber schuld. Hat schlechte Entscheidungen getroffen und hat drum auch nichts zu betrauern. Uns ist nichts einfach zugestossen, wir haben aktiv gemacht. Mörderinnen trauern nicht.

Und natürlich ist die Realität etwas komplexer. Ich bin überzeugt, dass jede Frau, die eine solche Entscheidung trifft, wirklich das Beste für sich und ihr Kind will. Meine Erfahrung ist auch, dass eine solche Situation eine absolute Überforderung ist, in der man wirklich nicht wissen kann, was denn nun das Beste ist. Und ich habe gelernt, dass diese Erfahrung tiefe Narben hinterlässt. Und es gibt kein Verständnis, kein Raum für Heilung - das ist immer noch ein Stigma; ein Leben ausgelöscht zu haben. Viele Erfahrungen im Leben hinterlassen Narben, Traumata und es gibt Räume, in denen sie gesehen werden dürfen. Aber ein Raum für Heilung für Frauen, die ihr eigenes Kind getötet haben? All die Medeas da draussen, die in einem Augenblick der geistigen Umnachtung das Unaussprechliche getan haben - sie verdienen kein Mitgefühl, dürfen nicht gesehen und gehört werden. Weil: eine Frau, die das Leben ihres Kindes auslöscht, das ist das ultimative Tabu.

Warum sonst gibt es in dieser Schweizer Stadt, in der es Selbsthilfe-Gruppen für absolut alles gibt, keine einzige Gruppe für Frauen, die einen Schwangerschafts-Abbruch gemacht haben? Haben wir kein Recht auf Trauer?
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