Verhütung: Wissenslücke erschreckend *NEWS*
Österreich weist eine der höchsten Schwangerschafts-Abbruch-Raten Westeuropas auf (30.000 bis 40.000 pro Jahr). Jugend wie Erwachsene wissen viel zu wenig über Fruchtbarkeit und Verhütung.
Der Wunsch nach Verhütung ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Schon im ägyptischen Papyrus Ebers, einem der ältesten bekannten Texte mit medizinischen Themen, werden diverse – aus heutiger Sicht recht skurrile – Mittel gegen ungewollte Schwangerschaft empfohlen.
Die „alten Ägypterinnen“ wendeten zum Beispiel Honigpessare an, die mit fein zerriebenen Dornakazienblättern und Datteln bestückt waren, sowie Salztampons oder „Zäpfchen“ aus einem Gemisch aus Krokodilexkrementen und gegorenem Pflanzenschleim. Soranus von Ephesos, der bedeutendste „Gynäkologe“ der Antike, riet zu Scheidenzäpfchen aus Kiefernrinde, Wein und Wolle, aber auch zu getrockneten Granat- oder Galläpfeln.
Forschungsreisende des 19.Jahrhunderts berichteten, dass bei „Naturvölkern“ die Vagina vor dem Verkehr mit „diversen Gräsern, Betelblättern oder gekautem Tabak“ ausgefüllt wurde.
Wie gut diese „Rezepte“ gewirkt haben, ist unbekannt. Doch nach heutigem Wissensstand ist ihnen eine gewisse Wirksamkeit nicht abzusprechen. Einerseits wurde durch die klebrige Masse wohl der Zugang zur Gebärmutter blockiert, andererseits durch die verwendeten Ingredienzien der Säuregrad der Vagina gestört.
Kondom aus Ziegenblinddarm
Bei der Gärung der empfohlenen Akazienblätter zum Beispiel entsteht Milchsäure, die die eingedrungenen Spermien wahrscheinlich tatsächlich chemisch „gelähmt“ hat. Auch Tanninen – Gerbstoffe, die sehr häufig im Pflanzenreich vorkommen – wird eine Spermien lähmende Wirkung nachgesagt. Man könnte diese Methoden als Vorläufer moderner chemischer Verhütungsmittel wie Zäpfchen, Cremen und Gels ansehen.
Auch das moderne Kondom hat antike Vorläufer. Zur Zeit des berühmten Schürzenjägers Casanova, der der Überlieferung nach seinen Partnerinnen auch die Verwendung einer ausgehöhlten Zitrone als „Diaphragma“ empfohlen haben soll, verließ Mann sich auf präparierte Blinddärme von Lämmern, Schafen oder Ziegen. Da diese Kondome alles andere als „gefühlsecht“ waren, suchte man nach elastischeren Alternativen: Es folgten Fischblasen, Harn- und Gallenblasen oder verknotete Tierdärme.
Pille nur für verheiratete Frauen
Selbst die moderne Spirale soll ihren Ursprung in längst vergangenen Zeiten haben. Angeblich brachten Beduinen zur Empfängnisverhütung ein Steinchen in den Uterus jener Kamelstuten ein, die als reine Tragetiere und nicht zu Zuchtzwecken dienen sollten.
Eine Skurrilität aus moderneren Zeiten kommt aus Amerika, dem Land der „grenzenlosen Freiheit“: Als in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Antibabypille ihren Siegeszug antrat, wurde sie in den USA anfangs ausschließlich verheirateten Frauen verschrieben – und dies auch nur, wenn der Ehemann seine Zustimmung gab.
Die Auswahl der heute zur Verfügung stehenden Verhütungsmittel ist sicher groß: Hormonelle Verhütungsmethoden wie die „Pille“, das sicherste aller Kontrazeptiva, Dreimonatsspritze, Vaginalring,hormonabgebende Implantate oder Verhütungspflaster, Spirale (Kupfer- oder Hormonspirale), Barrieremethoden wie Kondom, das auch den effektivsten Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie Aids bietet, Femidom, Diaphragma, chemische Barrieren wie Zäpfchen, Cremen oder Gels, die die Spermien abtöten oder bewegungsunfähig machen, Sterilisation der Frau oder des Mannes – und dennoch weist Österreich eine der höchsten Schwangerschaftsabbruch-Raten in Westeuropa auf.
Ungewollte Schwangerschaften
Es gibt hierzulande keine Meldepflicht für Schwangerschaftsabbrüche, demzufolge auch keine konkreten Zahlen. Experten schätzen, dass in Österreich etwa 30.000 bis 40.000 Schwangerschaftsabbrüche pro Jahr vorgenommen werden.
„Auf der einen Seite steht uns heute eine sehr große Anzahl wirksamer und sicherer Verhütungsmittel zur Verfügung“, so der Wiener Gynäkologe und Leiter des Museums für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch (MUVs) Dr. Christian Fiala. „Auf der anderen Seite haben wir in Österreich eine unnötig hohe Anzahl von ungewollten Schwangerschaften und Schwangerschaftsabbrüchen.
In Westeuropa einmalig
Dieser scheinbare Widerspruch ist allerdings relativ leicht aufzulösen: Jugendliche werden zu wenig über ihren eigenen Körper, über ihre Sexualität, Verhütung und Schwangerschaft aufgeklärt. Neben der fehlenden Aufklärung ist der wichtigste Faktor das fehlende Bewusstsein, ungewollt schwanger werden zu können. Jugendliche kennen die Vorgänge in ihrem eigenen Körper nicht, sie wissen viel zu wenig über geeignete Verhütungsmethoden Bescheid.“ Dennoch: „Das höchste Risiko, ungewollt schwanger zu werden, haben Frauen zwischen dem 20. und 35. Lebensjahr.“ Fiala übt Gesellschaftskritik: „Auch das Wissen der Erwachsenen über Fruchtbarkeit und Verhütung ist in Österreich erschreckend gering. Hier ist sicherlich die Gesellschaft gefordert, Informationen zu diesen Themen verstärkt anzubieten. Dazu kommt, dass die Kosten für Verhütungsmittel immer noch nicht von den Krankenkassen übernommen werden und die ,Pille danach‘ immer noch ein Rezept erforderlich macht. Diese Situation ist in Westeuropa einmalig.“
Neuartige „Pille“
Es wird laufend an der Verbesserung der etablierten Verhütungsmethoden gearbeitet. So steht zum Beispiel eine neuartige „Pille“ kurz vor der Marktzulassung, die extrem nebenwirkungsarm ist, da sie erstmals auf einer Kombination aus dem Gestagen Dienogest und Estradiol, dem gleichen Östrogen, das der weibliche Körper produziert, basiert.
Ein anderer Forschungsansatz scheint dafür wieder in weitere Ferne gerückt zu sein: Wie der auf dem Sektor Verhütung weltweit führende Pharmakonzern Bayer Schering Pharma im Juni 2007 bekannt gab, wurde die Forschung an der Pille für den Mann eingestellt. Der Darreichungsform – bestehend aus einem Implantat in Kombination mit einer Spritze, die alle drei Monate verabreicht werden muss – wurden zu geringe Marktchancen eingeräumt.
AUF EINEN BLICK
■Der Fantasie unserer Vorfahren hinsichtlich Schwangerschaftsverhütungschienen kaum Grenzen gesetzt. Einige der angewandten Mittel muten heute skurril an.
■Obwohl die Auswahl der heute zur Verfügung stehenden Verhütungsmittel groß ist, weist Österreich eine der höchsten Schwangerschaftsabbruch-Raten in Westeuropa auf.
■ Infos: www.verhuetung.info (umfassende Informationen zur Schwangerschaftsverhütung); www.muvs.org (Museum für Verhütung und Schwangerschaftsabbruch)
Quelle: diepresse.com

