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Vergessene Väter und ihre unvergesslichen Kinder

Erlebnisbericht: Partner

Anfang der 70er Jahre begleitete Arthur Shostak seine Freundin in eine Abtreibungsklinik. Beide waren sie zu dem Entschluss gekommen, dass Abtreibung die beste Lösung sei. Aber das Sitzen im Wartezimmer wurde zu einem äusserst deprimierenden Erlebnis. Als Arthur Shostak die Klinik verliess, stellte er beunruhigt fest, welche Verwirrung dieses Erlebnis in ihm ausgelöst hatte. Anfang der 70er Jahre begleitete Arthur Shostak seine Freundin in eine Abtreibungsklinik. Beide waren sie zu dem Entschluss gekommen, dass Abtreibung die beste Lösung sei. Aber das Sitzen im Wartezimmer wurde zu einem äusserst deprimierenden Erlebnis. Als Arthur Shostak die Klinik verliess, stellte er beunruhigt fest, welche Verwirrung dieses Erlebnis in ihm ausgelöst hatte.

Studie bei 1000 Männern

Die folgenden 10 Jahre untersuchte Shostak, nun Professor der Soziologie an der Drexel University in Philadelphia, Abtreibungserlebnisse. Seine Studie umfasst die Befragung von 1000 Männern, die ihre Ehefrauen oder Freundinnen in Abtreibungskliniken begleitet hatten.

Shostaks Studie wurde in «Men and Abortion: Lessons, Losses and Love» (Praeger 1984) veröffentlicht. Die Studie beschränkt sich hauptsächlich darauf, die Reaktionen von Männern in der kurzen Zeit zwischen Beginn der Schwangerschaft und der Entscheidung zur Abtreibung zu untersuchen. Ausserdem lässt sie aufgrund des Selektionsverfahrens das Verhalten und die Erfahrungen von Männern, die ihre Partnerinnen nicht in die Abtreibungsklinik begleiteten, ausser acht. Die Gründe dafür sind, dass diese Männer über Schwangerschaft und Abtreibung nicht in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie keine feste Beziehung zu ihrer Partnerin hatten, oder dass sie gegen die Abtreibung eingestellt waren. Trotz dieser beträchtlichen Einschränkungen ist Shostaks Studie immer noch die aufschlussreichste auf dem Gebiet.

Shostak stellte fest, dass die meisten Männer, die in den Wartesälen der Kliniken befragt wurden, sich einsam und verlassen fühlten und zornig auf ihre Partnerin bzw. auf sich selbst waren. Ausserdem waren sie sich der Gefahr von körperlichen und psychischen Verletzungen, die die Abtreibung bei ihrer Partnerin verursachen kann, bewusst. Nur ein Viertel der Männer hätte ihrer Partnerin angeboten, die Lebenskosten des Kindes zu übernehmen, falls sich die Frau gegen eine Abtreibung entschieden hätte. Jeder zweite unverheiratete Mann sagte, er habe seiner Partnerin ein Heiratsangebot gemacht, nachdem sie sich für das Kind entschieden hatte.

Abtreibungsfolgen bei Männern

Shostaks Studie belegt, dass eine Abtreibung bei betroffenen Männern viel mehr Stress erzeugt, als man allgemein annimmt. Mehr als einer von vier der Befragten beurteilten Abtreibung als Mord. Etwas über 80% der befragten Männer gaben an, dass sie schon einmal an das nicht geborene Kind gedacht hatten (29% davon träumten regelmässig vom Kind). 68% glaubten, dass von Abtreibung betroffene Männer «keine leichte Zeit durchmachen», und 47% hatten Angst vor beunruhigenden Gedanken, die eine Abtreibung auslösen könnten. Shostak erzählte, dass viele Männer während des Interviews zu weinen begannen.

Grosse Mehrheit gegen Abtreibung

Eine überraschende Mehrheit von 83% der Befragten sprach sich gegen jede gesetzliche Regelung der Abtreibungsfrage aus, rund 45% gaben zu, dass sie die Frau zur Abtreibung gedrängt hätten (48% der unverheirateten und 37% der verheirateten Männer). Bei der Frage, ob Mann und Frau gleiches Recht beim Treffen der Entscheidung haben sollten, bejahten dies 80% der verheirateten und 58% der unverheirateten Männer. Viele Männer bekannten Frustration und Ärger darüber, dass ihre Partnerin ihre Wünsche und Gefühle nicht berücksichtigte. Sie fühlten sich von der Entscheidung ausgeschlossen und – vor allem dann, wenn sie gegen die Abtreibung waren – machtlos und degradiert.

In einem anschliessenden Interview sagte Shostak: «Die meisten Männer, mit denen ich sprach, dachten noch Jahre danach an die Abtreibung. Sie sind traurig oder sie fühlen sich einfach nicht wohl und dergleichen – aber für gewöhnlich haben sie mit niemandem darüber gesprochen. Es ist ein Tabu ... Ein Mann, der weinen möchte, zieht es vor, dabei alleine zu sein. Wenn ihm klar wird, dass die Abtreibung ihm sein Kind gekostet hat, glaubt er, alleine damit klarkommen zu müssen. Er spricht über sein Leid nicht mit einem Geistlichen; er teilt sein Leid nicht mit dem engsten Freund. Er bleibt mit seinem Schmerz allein. Und das für eine lange Zeit.»

Schuldgefühle bei Abtreibung

Andere Studien bestätigen dieses negative Bild. Bei einer Telefonumfrage, die 1989 von der Los Angeles Times durchgeführt wurde, gaben nur 7% der männlichen und 8% der weiblichen Befragten an, dass sie schon einmal Erfahrung mit einer Abtreibung gemacht hätten. Das ist weit weniger als die Hälfte der angenommenen Zahl: eine Abtreibung ruft so starke Schuldgefühle hervor, dass sie von den meisten Leuten verschwiegen wird, selbst bei einer anonymen Befragung. Unter diesen Zugeständnissen ist es auffallend, dass Männer eher negative Gefühle bekannten. Zwei von drei Männern gaben Schuldgefühle an im Vergleich zu 56% der Frauen. Über ein Drittel der Männer, die von einer vergangenen Abtreibung betroffen sind, bereuten ihre Entscheidung im Vergleich zu einem Viertel der Frauen.

Starke psychische Belastung

Eine Umfrage unter Inhaftierten eines mittelgrossen Gefängnisses kam zu dem Ergebnis, dass männliche Gefangene, die von einer Abtreibung betroffen sind, im allgemeinen eine negative Einstellung zu Abtreibung haben. Die meisten berichteten, dass es für sie und ihre Partnerin eine psychische Belastung war und immer noch ist.

Männer waren überzeugt davon, dass ein Grossteil ihrer Probleme, die sie zu bewältigen suchten, im direkten Zusammenhang mit dem Abtreibungserlebnis standen. Diese Probleme waren unter anderem zerbrochene Partnerschaften, sexuelle Störungen, Drogenmissbrauch, Selbsthass, erhöhte Risikobereitschaft und erhöhte Neigung zu Selbstmord, Trauer, Hilflosigkeit, Schuldgefühle, Depression, erhöhte Aggressions- und Gewaltbereitschaft und eine allgemeine negative Lebenseinstellung.

Schmerz und Verunsicherung

«Eine Abtreibung unterstützt falsche Lösungsstrategien des Mannes, wie z.B. das Weglaufen vor Beziehung und Verantwortung. Abtreibung schreibt die Regeln der Männlichkeit neu. Von einem Mann erwartet man, dass er stark ist, aber das Abtreibungserlebnis macht ihn hilflos und schwach. Von einem Mann erwartet man, dass er verantwortungsvoll ist, aber eine Abtreibung bestärkt ihn, unerwünschte Folgen seiner sexuellen Bindung zu zerstören und sich nicht um das zu Beschützende zu kümmern. Unabhängig davon, ob der Mann in die Entscheidung miteinbezogen wurde, verursacht seine Unfähigkeit, in einer von ihm erwarteten Art und Weise Sorge und Verantwortung zu tragen, Schmerz und Verunsicherung bei ihm selbst.

Typische männliche Verhaltensmuster sind Schweigen über den Kummer und ein Sich-zurückziehen in den Schmerz. In aller Stille grübeln Männer über ihre Schuld und an ihrer in starken Zweifel gestellten Fähigkeit, sich und jene, die sie lieben, beschützen zu können ... Die einen werden depressiv und/oder ängstlich, die anderen unterdrückend, beherrschend und fordernd. Andere wiederum werden zornig. Der unterdrückte und verdrängte Kummer kann Beziehungsunfähigkeit bewirken ... Das «Weglaufen» vom Trauerprozess bewirkt Verleugnung und eine Flucht vor dem Leben, vor Liebe und Heilung. Einem von Schuld niedergedrückten Mann fällt es nicht leicht zu lieben oder sich lieben zu lassen.» (Dr. Vincent Rue).

Abtreibung zerstört Beziehung

Da eine Abtreibung sowohl bei Frauen als auch bei Männern Spuren hinterlässt, wirkt sie sich logischerweise sehr stark auf die Partner- und Familienbeziehungen aus. Die meisten Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine sehr grosse Mehrheit der unverheirateten Paare, die eine Abtreibung vornehmen liessen, ihre Beziehung innerhalb eines Jahres beendeten, oft auch schon nach wenigen Wochen. Obwohl die Ergebnisse bei verheirateten Paaren unterschiedlicher sind, haben viele berichtet, dass die Abtreibung zu einer Scheidung führte. Eine Studie fand heraus, dass unbefriedigende oder nur mittelmässig gute Ehen durch eine Abtreibung noch schlechter wurden. In keinem Fall hat Abtreibung irgendwelche Beziehungsprobleme gelöst.

Einzig und allein wenn das Paar seinen Schmerz und seine Trauer über das abgetriebene Kind gemeinsam teilte, wurde von einer vertieften Beziehung zueinander berichtet. Kurz zusammengefasst kann man sagen, dass die Erleichterung, von einer ungewollten Schwangerschaft befreit zu sein, ein Paar niemals stärker aneinander binden kann.

Zerbrochene Partnerschaften nach einer Abtreibung werden oft als Ergebnis einer Zurückweisung der Frau gegenüber dem als passiv erlebten Mann interpretiert, doch es sind auch andere Dinge, die zu diesen Problemen führen. In den meisten Fällen wird Abtreibung gleichgesetzt mit «etwas, worüber wir nicht reden». Diese Tabu-Zone in einer Partnerschaft erstickt die Beziehung und setzt ein Verhaltensschema fest, nach dem auch andere Gefühle genauso versteckt werden.

Männer fühlen sich oftmals einem Schweigecode verpflichtet. In vielen Fällen glauben sie, es sei ihre männliche Pflicht, die emotionale Genesung ihrer Partnerin nicht durch irgendeinen Ausdruck ihrer eigenen Zweifel oder ihres eigenen Kummers zu gefährden. Für ein Individuum ebenso wie für ein Paar scheint es generell von grosser Notwendigkeit zu sein, an der Überzeugung festzuhalten, dass «sie das Richtige gemacht haben».

Gleichzeitig ist erwiesen, dass Männer ebenso wie Frauen oftmals ein unterschiedliches Ausmass an Bedauern, Schuldgefühlen und Wut erleben. Wenn einer von beiden relativ gut damit fertig wird, verunsichert diese «Unbekümmertheit» den anderen, der traurig, nachdenklich oder deprimiert ist. Umgekehrt können diese Anzeichen einer Depression im «unbekümmerten» Partner, der/die sich an der Abtreibung zu Unrecht angeklagt fühlt, Schuld- und Trauergefühle hervorrufen bzw. verstärken.

Verschiedene Post-Abortion-Reaktionen

Diese Verhaltensmuster entwickeln eine Eigendynamik, die zu vermehrtem und heftigem Streit führen und sogar in physischer Gewalt enden können. Auftretende Störungen im Geschlechtsverkehr, Drogenmissbrauch, ein Sich-in-die-Arbeit-Zurückziehen («Workaholic»), Vernachlässigen von Hobbys oder andere Post-Abortion-Reaktionen des einen Partners können den weniger betroffenen Partner verunsichern und Frustration bewirken.

Wird eine Abtreibung in einer nächsten Partnerschaft geheimgehalten, wirkt sich dieses Geheimnis in destruktiver Weise auf die neue Beziehung und die ganze familiäre Umgebung aus. Geheimnisse zeugen von einem Mangel an Vertrauen; wer Geheimnisse hat, verliert mit der Zeit seine Vertrauenswürdigkeit. Derjenige Partner, der sein Leid geheim hält, ist andererseits nicht fähig, unbegrenztes Angenommensein und Liebe von seiten der Familienmitglieder zu erleben, weil er die Familie über einen wichtigen Teil seiner Vergangenheit im Dunkeln lässt. Das Geheimnis hängt wie ein Damoklesschwert über dem Paar und der Familie. Es verhindert ein Wachsen der Beziehungen.

Abtreibung als emotionales Problem

Die Forschungsergebnisse einiger Familientherapeuten lassen darauf schliessen, dass Abtreibung auch ein unausgesprochenes Verwischen der «familiären Grenzen» eines Menschen verursachen kann. Für ein Familienmitglied, das sich der Abtreibung bewusst ist, kann sich ein kognitives oder emotionales Problem ergeben, indem nicht mehr klar ist, wer innerhalb und wer ausserhalb des familiären Systems steht. Männer und Frauen, die von Abtreibung betroffen sind, werden z.B. jedesmal ausweichen, wenn sie gefragt werden, wieviele Kinder sie haben. Soll das abgetriebene Kind ins Bewusstsein geholt und zu den geborenen Kindern dazugezählt werden oder nicht? Genauso können Geschwister des abgetriebenen Kindes ähnliche verunsichernde Gedanken über die wirkliche Anzahl der Familienmitglieder empfinden.

Wenn ein Familienmitglied gestorben ist, durchlebt eine Familie für gewöhnlich einen Trauerprozess, der sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Privatsphäre der Familie erkennbar ist. Diese Trauerarbeit bewirkt, wenn sie erfolgreich war, ein «Heilen der Wunden». Aber ein vollständiges Verarbeiten einer Fehlgeburt oder einer Abtreibung ist viel schwieriger, weil in unserer Kultur die Tatsache vehement geleugnet wird, dass Abtreibung den Verlust des Kindes, also eines Familienmitgliedes, bedeutet.

Quelle: www.mamma.ch

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